POSTFORD: kluge und kritische Geister aus Bremen!

POSTFORD entwickeln sich als Aushängeschild für klugen und kritischen Punkrock "Made in Bremen". Wir haben uns mit ihnen über ihr Tourleben, die D.I.Y.-Szene und darüber unterhalten, wofür sie als Band stehen.

Hervorgegangen aus den Bands Kobayashi, van Beek und Nitrous Oxid Wrestling Club, hat die bremer Band POSTFORD im April 2017 ihr Debutalbum herausgebracht. Darauf zu hören: Politischer Punkrock  mit deutschen Texten. In Hörweite der hamburger Politpunkhelden Oma Hans und Dackelblut, entpuppen sich POSTFORD  als kluge und kritische Geister, die viel zu sagen haben. Ihre Wut richtet sich gegen die Banalität von Kapitalismus, Medienapparat und Leistungsgesellschaft sowie sinnlose Kriege und Rassismus. Mit kryptisch zersplitterten Texten und vielschichtigen, wuchtigen Arrangements greifen sie diese Komplexe im Doppelgesang breit an.

Das Düsseldorfer Label Raccoone Records hatte 2015 bereits ihr erstes Demo auf Kassette veröffentlicht. Als 2016 einer der Macher von Antikörper Export  für den Ton bei einem  ihrer Konzerte  verantwortlich war, hatten sie an jenem Abend einen weiteren Kooperationspartner für sich gewonnen.  2017 haben beide Labels das Debutalbum von POSTFORD dann in Kooperation veröffentlicht. Seither bewegen sich POSTFORD in einem dichten D.I.Y.-Netzwerk.

Es sind nicht die kommerziellen Festivalbühnen die sie erobern wollen, sondern die Herzen und den Verstand ihrer Hörerschaft. Und diese Hörerschaft finden sie in erster Linie auf den Bühnen der sogenannten D.I.Y.-Szene. D.I.Y. steht hier für „do it yourself“ oder wie der Bremer zu sagen pflegt „nich lang schnacken, Kopp in Nacken“. Doch es ist eben nicht nur der eigene Aktionsdrang, den die D.I.Y. Veranstalter befriedigen wollen, es geht um mehr, auch mehr als um Musik. POSTFORD gehören einer „Szene“ an, bei dem  Gleichgesinnte (und die, die es werden wollen) auf einem Konzert zusammen kommen, um sich über die verschiedensten Themen des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens  auszutauschen.  Hier werden Äußerlichkeiten durch Inhalte ersetzt und das ist, was vielen jungen Bands häufig fehlt. Aus diesem Grund haben wir uns mit POSTFORD getroffen und mal genauer nachgefragt.

 

 

„in der Glotze Krieg und Audi – auf der Straße Gold und Dreck“

Postford – La Déluge

 

 

Was ist Euch wichtig zu sagen bzw. darüber zu singen?

Unsere Wurzeln liegen im Punk und vor allem in der DIY-, also „do it yourself“- Szene. Selbstermächtigung und Emanzipation sind deswegen Inhalte, die uns besonders wichtig sind. Selbstoptimierungszwänge und das Funktionieren müssen wären wiederkehrende Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen. Bezogen auf das Arbeitsleben, aber auch auf genderspezifische Erwartungshaltungen innerhalb der Gesellschaft. Das Zusammenleben von Menschen ist gestaltet sich ja oft sehr schwierig, da gibt es viel drüber zu sagen.

Und nicht zuletzt erleben wir ja seit einigen Jahren eine weitere Zunahme an Gewalttaten gegen alles, was manchen Leuten fremd erscheint, auch aus der Gruppe, die Mensch bisher als gesellschaftliche Mitte bezeichnet. Das geht nicht spurlos an uns vorbei, gerade weil das aus unserer Sicht keineswegs ein neues Phänomen darstellt.

Einer Eurer markantesten Songs heißt „Kaltland“. Was versteht Ihr unter dem Begriff?

Das Lied mit diesem Titel war eines der ersten, das wir geschrieben haben. Das war im Sommer und Herbst 2015, als besonders viele Geflüchtete nach Europa kamen. Unterkünfte für Refugees wurden angezündet, PEGIDA marschierte und die AFD begann ihren Aufstieg. Insgesamt bewegte sich der gesellschaftliche Diskurs immer weiter nach rechts. Denn einerseits berichteten einige Medien zwar wohlwollend über das Öffnen der Grenzen durch die Bundesregierung, gleichzeitig wurde das Asylrecht aber weiter verschärft und massiv eingeschränkt. Wie beim sogenannten Asylkompromiss 1993 kam der Staat dem rassistischen Mob entgegen und gab diesem dadurch das Gefühl der Legitimation, anstatt sich tatsächlich um schutzsuchende Menschen zu kümmern. Die AFD sitzt inzwischen in zahlreichen Parlamenten, nicht zuletzt auch im Bundestag. Gewählt nicht nur von den gern zitierten Abgehängten und Stammtisch-Nazis, sondern auch von angeblich gebildeten und gut situierten Menschen. Solidarität ist nicht nur ein Fremd- sondern sogar ein Schimpfwort geworden. Die Angst vor dem eigenen Abstieg, in Verbindung mit den Kampagnen gegen vermeintliche Sozial- oder Asylschmarotzer, lässt es ziemlich kalt wirken in diesem Land.

Ihr habt seither viele Shows quer durch die Republik gespielt. Gab es ein Erlebnis oder Erlebnisse, die Euch besonders in Erinnerung geblieben sind?

Eigentlich ist jedes Konzert ein besonderes Erlebnis und im Grunde machen wir schon Musik, um durch die Gegend fahren und spielen zu können. Es ist jedes Mal wieder schön und beeindruckend, mit welchem Enthusiasmus und welcher Leidenschaft Veranstalter*innen sich engagieren, um Shows auf die Beine zu stellen und dafür zu sorgen, dass es Publikum und Bands an nichts mangelt. Wir haben selber in verschiedenen Konstellationen Konzerte organisiert und wissen, wie anstrengend und stressig das sein kann. Wir haben ja auch das Glück, dass es innerhalb der Punkszene fast in jeder Stadt Gruppen, Läden und damit Auftrittsmöglichkeiten gibt. So ein Quatsch wie „pay to play“, Bandcontests oder offenen Bühnen spielen für uns keine Rolle. Menschen veranstalten innerhalb dieser Szene Shows, weil sie da Bock drauf haben.

Besonders schön sind dann Konzerte, wie etwa in Jena, wo wir noch nie vorher gespielt haben, es aber komplett voll ist und Menschen teilweise die Texte mitsingen können.

Letztes Jahr haben wir zusammen mit Static Means und Lambs eine kleine viertägige Release-Tour zu unserem Album gespielt. Das war schon echt schön, weil diese Reisegruppe super war. Die Konzerte waren alle großartig und wir hatten viel Spaß, aber als wir dann zum Abschluss in Bremen auf dem Querlenker gespielt haben und der ganze Platz einfach voll war. Das war schon gut!

Wie seht Ihr das Bremer Kulturleben? Gibt es in dieser Stadt subkulturelle Einrichtungen in denen Ihr Euch wohlfühlt? Habt ihr diesbezüglich etwas in anderen Städten gesehen, was Ihr in Bremen vermisst?

Wir beobachten gerade mit Freude, dass die Bremer DIY-Szene diverser wird. Es gibt neue Konzertgruppen, die mehr Abwechslung versprechen. Zum Glück gibt es in Bremen relativ viele schöne subkulturelle Räume, wie etwa das alte Sportamt, die G18, den Querlenker oder das Sielwallhaus, aber auch Freizis wie die Friese oder das BDP Haus, in denen tolle Konzerte stattfinden und in denen wir uns wohl fühlen. Außerdem würden wir uns wünschen, dass das Zucker endlich den Bunker in Walle bekommt, damit es wieder mehr Raum für progressive und linke Clubkultur in Bremen gibt. By the way: geht mehr auf kleine DIY-Konzerte!

Habt Ihr „Best-Bodies“-Bands mit denen Ihr viel zusammen macht und Euch vielleicht auch gegenseitig beeinflusst?

Wir teilen oder teilten unseren Proberaum mit Art Halk, dørtebeker und Analog Ruins, die alle sehr gut sind. Bestimmte Bands treffen wir unterwegs natürlich immer wieder, was uns sehr freut, weil es menschlich immer schön ist und wir deren Musik einfach sehr mögen. Lügen aus Dortmund oder Krank und Bijou Igitt aus Hamburg würden uns da jetzt einfallen. Und vor allem Static Means, mit denen uns mittlerweile eine sehr enge Freundschaft verbindet.

Vielen Dank für das Interview, wir wünschen Euch alles Gute und freuen uns sehr auf Euer Konzert beim„Indie-Weser-Terrassen“!

Indie-Weser [Terassen] wird erstmalig am 23. März 2018 um 20 Uhr stattfinden. Portlands Indierockhelden WALTER ETC. werden von den bremer Punkrockern POSTFORD supportet.

Der Eintritt kostet 5-10 Euro (pay what you want).

 


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