Besucherrekord beim Reeperbahn Festival 2018

Das größte Clubfestival Europas und zudem wichtigster Treffpunkt der Veranstaltungs- und Musikbranche lockte mehr als 45.000 Besucher aus 56 Nationen auf die Reeperbahn

Foto: Kröger

Hamburg. Nach vier schillernden Tagen, die nicht ohne Böen an der Veranstaltung vorübergezogen sind, ist die 13. Ausgabe des Reeperbahn Festivals vorüber. Über 45.000 Besucher in vier Tagen, davon 5.500 Fachbesucher aus 56 Nationen waren dabei. Mit seinem dichten Netz an Clubs und Venues bietet der Hamburger Stadtteil St. Pauli ideale Voraussetzungen. In inzwischen über 90 Spielstätten, die zu Fuß erreichbar sind, gab es über 900 Programmpunkte, davon gut 600 Konzerte.Allein das diesjährige Gastland Frankreich war mit über 50 Bands und Künstlern in den Bars und Clubs auf St. Pauli vertreten.Mit diesen Zahlen ist es inzwischen das größte Club-Festival in Europa.

Für uns ging es am Mittwoch gegen Abend zunächst zum Treffen des Festival Kombinat in die Nochtwache. Unter dem Titel „Festival United – Die Situation von Festivals in Deutschland“ hat das Festival Kombinat und die LiveKomm zur feierlichen Symbiose der Netzwerke einladen. Was schon lange geplant war wird jetzt Wirklichkeit und das Kombinat vereint sich mit der LiveKomm. Thema an diesem Abend sollte eine Bedarfsanalyse von kleinen und mittleren Festivals sein. Macht die Förderung von Kulturveranstaltungen und Festivals durch Fördertöpfe Sinn? Und unter welchen Umständen sollte das Geld vergeben werden. Weiter wurde darüber diskutiert wie sich die Festivals besser vernetzen können. Sollte gemeinsam Material eingekauft werden oder untereinander vermietet? Nach einer offenen Diskussionsrunde ging der Abend in eine lockere Runde zum Kontakte aufbauen und pflegen über. Für uns ging es an diesem Abend noch weiter ins Docks zu Jungle. Das britische Kollektiv um die Vordenker und Londoner Kindheitsfreunde Josh Lloyd-Watson und Tom McFarland hat mit seiner Debütplatte bereits 2014 für beachtlich Wirbel gesorgt. In perfektem Eklektizismus verweben Jungle Disco, R’n’B, Soul und das, was den Klang der Straßen großer Metropolen ausmacht, zu einem satten Klangteppich. Hits wie „The Heat“ oder „Busy Earnin“ sind seit ihrer Veröffentlichung der Cruise-Soundtrack im Großstadtdschungel. Live bringen Jungle ihren Sound als groovendes Kollektiv auf die Bühne und kreieren ein absolutes Highlight der Popkultur.

Donnerstag ging es zunächst zum Panel „Festival Season 2018/2019 – Generation Festival – Where Are You?“ ins Schmidtchen. Melodie Blanchard (International Booking, Caramba, Frankreich), Rob Challice ( Director, Coda Agency, Großbritannien), Brij Gosai (Director of Sales & Marketing, Pollstar, Großbritannien), Tames Kader (CEO, SzigetFestival, Ungarn) und Stephan Thanscheidt (Geschäftsführer, FKP Scorpio, Deutschland) sprachen unter der Moderation von Gordon Masson (Chefredakteur, IQ Magazine, Großbritannien) über das Gesamtbild der diesjährigen Festivalsaison. Festivals wie Roskilde und das Opener verzeichnen Besucherrekorde, andere nicht minder prominente Festivals wie Rock am Ring oder Hurricane/Southside meldeten hingegen durchwachsene Besucherzahlen. Längst findet hinter den Kulissen die Ursachenforschung statt. Erörtert werden Aspekte wie die veränderten musikalischen Vorlieben einer neuen Generation von Festivalbesuchern, die Dynamik der Preisgestaltung der Eintrittspreise oder die Folgen des Faktors des Wetter. Nicht minder relevant sind die nicht zu unterschätzenden Einflüsse durch neue Mitbewerber und der verschärften Konkurrenz dank der Marktmacht von Konzertkonzernen. So oder so, große und kleine Festivalveranstalter sind gleichermaßen gefordert, Ansätze zu finden die den veränderten Marktbedingungen für Festivals entsprechen. Mit Matt Gresham starten wir an diesem Tag das Musikprogramm am N-Joy Bus.“Home is not a place, it’s a feeling“, heißt es in einem Song von Matt Gresham. Und was anderen als bloße Phrase erscheint, ist für den Singer-Songwriter pure Lebensrealität. Aufgewachsen im australischen Westen, lässt Matt Gresham mit Mitte zwanzig alles stehen und liegen, um sich in der Ferne seinem Selbst ein Stück näher zu kommen. Ganze drei Jahre tingelt Matt durch die Weltgeschichte, macht unter anderem Halt in Berlin und widmet sich an den unterschiedlichsten Orten seinen Emotionen, die er mit Hilfe seiner Gitarre in große Popsongs verpackt. Heute sind Matt Greshams Songs gezeichnet von großen Gefühlen der Weite und Freiheit. Seine Musik ist pures Fernweh im Songformat, getragen von sanften Beats, umhüllt von schwebenden Synthesizer-Klängen und durchzogen von melancholischen Gitarrenakkorden. Pop für die ganz große Bühne, auf der Matt Gresham schon sehr bald stehen wird. Weiter ging es auf dem N-Joy Bus mit einem Kurzbesuch von Passenger, der am Abend paar Meter weiter auch noch das Programm im Docks abschließen sollte. Keine große Band und kein Schnickschnack. Er singt einfach ein „einfaches Lied“. Und doch ist alles da, um den britischen Singer-Songwriter Passenger alias Mike Rosenberg zu definieren. Einfachheit, Größe, Schönheit. Es ist die unberührte und kunstvolle Introvertiertheit, mit der Rosenberg besticht. In „Young As The Morning, Old As The Sea“ 2016 tat er das etwas direkter, was ihn sogar auf Platz eins der britischen Charts brachte.  Der Nachfolger „The Boy Who Cried Wolf“ ist wieder intimer, in die Geschichten, die Rosenberg erzählen will. Von Frauen, die ihn mitten ins Herz getroffen haben. Und über falsche Lebensweisen. Fein im amerikanischen Stil arrangiert. Zum Abend zog es uns weiter Richtung Grüner Jäger. Leto, eine Post-Punk-Band aus Hamburg, gesignt bei einem Hamburger Post-Punk-Label. Wäre da nicht die Vielfalt im Sound von Leto. Ihr Debütalbum „Vor die Hunde“ nahm die Band im vergangenen Jahr in den Hamburger Nullzweistudios auf. Herausgekommen ist eine Platte, die an den Sound von Captain Planet oder Muff Potter erinnert und mit der Leto Punk-Traditionalisten herausfordern. Schließlich sind ihre Songs tanzbar wie die einer Indie-Band und kommen gleichzeitig mit einer ungeahnten Komplexität daher, die vor allem im Spiel von Gitarrist Phill begraben liegt. Verschwitzt ging es weiter in die Nacht. Bürofeierei, Panda-Bar, Molotow … auch das gehört zum Reeperbahn Festival.

Am nächsten Tag finden wir uns bereits gegen Mittag im East Hotel ein. Auf dem Programm stand die Session „Spagat für Festivalveranstalter“. Sommer gut, alles gut? Die Festival Saison 2018 ist gelaufen, mehrheitlich gut, aber doch auch anders. Abschläge bei den Besucherzahlen für Rock am Ring, Hurricane/Southside, gute Zahlen fürs Juicy Beats, Parookaville und Splash. Langsam aber sicher verändert sich die Marktlage im Festivalgeschäft. Teure VIP-Tickets liegen mancherorts voll im Trend, demografisch wächst die Alterspyramide beim Publikum, während hier und da die Vorverkaufszahlen im Vergleich zum Vorjahr merkbar schwankten. Geblieben ist lediglich der verschärfte Wettbewerb. Allen gemeinsam bleibt eine Bedarfsanalyse dessen, was Festivalgänger sich neuerdings wünschen und Festivalveranstalter sich künftig noch leisten können. Denn das Wunschdenken der Konzertagenten  publikumswirksamer Bands und Interpreten in Bezug auf statthafte Gagen bietet ebenso Gesprächsstoff für Annika Hintz (MS Dockville), Jan Quiel (Wacken Open Air), Stefan Reichmann (Haldern Pop) und Thilo Ziegler (Rocco Del Schlacko), wie die immer höher werdenden Kosten für Sicherheitsauflagen. Gerade letzter Aspekt wird zunehmend zum Politikum, der bislang aber ausgerechnet seitens der Politik und Behörden oftmals geflissentlich ignoriert wird. Was also ist zu tun, um die Ausgangslage für die Festivalsaison 2019 jetzt schon zu verbessern? Verkaufszahlen und wie man seine Veranstaltung in die grünen Zahlen bekommt ist auf jeden Fall ein Thema das viel Gesprächsstoff bietet. Weiter ging es durch den Ragen zu Ziggy Alberts ins Molotow. Die Lässigkeit dringt ihm aus jeder Pore. Ziggy Alberts ist ein typischer Songwriter aus Australien. Obwohl er einer ist, der die Gitarre häufiger in der Hand hält, als das Surfbrett. Von der Ostküste stammend, ist er ein Anhänger der Coastal Folk Music. Viel braucht er dazu nicht. Nur seine Gitarre, eine Kick Drum und seine Stimme. Neben üblichen Pop-Themen wie Liebe, Kindheit und Jugend interessiert ihn vor allem die bedrohte Umwelt. Geschichten vom Land und von der See eben.Der Versuch als nächstes zu Lea ins Indra zu kommen sollte schon am Eingang scheitern, Einlassstopp. Gut, geht es eben weiter zu den Blackout Problems auf dem Festival Village.Mit ihrem Mercedes Sprinter haben die vier Mitglieder von Blackout Problems in den vergangenen Jahren Tausende von Kilometern zurückgelegt. Die Band aus München ist gern gesehener Gast in Clubs und auf Festivals, weil sie eine unglaubliche Live-Power auf die Bühne bringen. Seit 2012 existiert das Quartett bereits. Obwohl die vier Jungs fast ununterbrochen auf Achse waren und von Gig zu Gig eilten, haben sie nun ihr zweites Album fertig gestellt. Kaum durch begannen auch schon paar Meter weiter die Bazzookas, eine fröhliche Spaßkapelle aus den Niederlanden. Basierend auf einem klassischen Skapunk-Rhythmus und fröhlichen Rocksteady-Melodien entfesselt die Band eine Bühnenenergie, die sie zur unbedingten Bereicherung für jedes Festival macht. Beim Reeperbahnfestival waren die Bazookas natürlich schon häufiger zu Gast und haben dabei einen ausrangierten Schulbus zum Kochen gebracht. Das Line-Up der Bazzookas ist nicht nur hörens- sondern allein schon wegen der vierköpfigen Bläsergruppe sehenswert. Eine erfrischend durch und durch authentische Band. Frohsinn garantiert. Sollte es am Abend das eine oder andere kleine Konzert geben wurde dieser Plan schnell mit einer Bestätigung im Keim erstickt. Dicke Band auf der Warner Music Night, da müssen wir hin. Sie haben zahlreiche Musikpreise gewonnen, weltweit rund 20 Millionen Alben verkauft und gelten als eine der besten Livebands auf dem Planeten: MUSE. Mit im Gepäck beim Reeperbahn Festival haben die Briten einen ersten Vorgeschmack auf ihr neues Studioalbum „Simulation Theory“, das am 9. November erscheint.

Samtag, letzter Tag auf dem Reeperbahn Festival 2018. Draußen regnet und stürmt es. Für uns geht es wieder Richtung Spielbudenplatz. Wer kennt es nicht als Band, Demo verschickt, Massenemail an alle Booker (oder Labels) rausgehauen, doch die Inbox verstaubt? Keine Antworten auf Deine Booking- oder Labelanfragen? Bei der heutigen Masse an guten Musikern, DJs und Bands sowie den vielen Möglichkeiten zur Selbstdarstellung, Kommunikation und Präsentation bei einer immer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne wird zielgerichtete, überzeugende und knappe Kommunikation immer wichiger. Bei „Der Ton macht die Music …“ in der Suite 716 im Arcotel Onyx ging es an diesem Nachmittag genau um dieses Thema. Waswollen die Entscheider bei den Plattenfirmen wirklich hören? Was interessiert die Bookingagenturen und was sollte man besser nicht tun? Den einen Weg gibt es wohl nicht. Vanessa Cutraro (Buback Tonträger) und Anita Richelli (Booking Agent / Promoter, Paper and Iron Booking Co. Deutschland) gaben drüber Auskunft wie sie es gerne hätten. Weiter geht es zu Charlotte Brandi ins Molotow.Mit dem Duo Me And My Drummer spielte sich Charlotte Brandi unter die Lieblinge der Berliner Indie-Szene. Aufgewachsen in Dortmund, zieht es die Keyboarderin und Gitarristin vor einigen Jahren in die Hauptstadt, wo sie von der Musikpresse als neue Pop-Hoffnung mit internationalem Ausmaß gefeiert wird. Doch damit ist es für Charlotte Brandi nicht getan. Als sie sich im letzten Jahr dazu entschließt, ihr elektronisches Keyboard gegen ein staubiges Piano einzutauschen, erfindet sie sich neu. Alleine schreibt sie an emotionalen Songs, die ihre musikalische Erziehung reflektieren, von finnischem Neunziger-Pop bis zu avantgardistischer Folklore aus den Siebzigern. So entsteht mit „The Magician“ ein Solodebüt, das vor Emotionalität nur so strotzt. Gegen Abend stand mit Fil Bo Riva ein persönliches Highlight in der St. Michaelis Kirche auf der Bühne. Zwar gerade mal 24 Jahre jung, aber seine Folk-Musik klingt so gauklerhaft, zirzensisch, wie der lebenserfahrene Tom Waits. Wunderbar verträumt, aber zugleich heiter und ironisch singt der italienische Songwriter in „Like Eye Did“ auf seiner aktuellen EP „If You’re Right, It’s Alright“. Man hört geradezu, dass der gebürtige Römer, der heute in Berlin lebt, seine Jugend in Irland verbrachte. Letztlich haben alle Einflüsse Eingang in seine Kunst gefunden. Einst als Solo-Projekt gestartet, hat sich Fil Bo Riva zunächst mit dem Gitarristen Felix A. Remm zum Duo zusammengefunden und wenig später seinen Musikerkreis sogar zum Quartett erweitert. Das ergibt einen schönen, satten Live-Sound. Er gibt auch gerne den liebenswerten Kauz, wenn er in „Franzis“ singt „I’m a mad man, that’s all I know“, die Angebetete dennoch darum bittet, ihn zu lieben. Da man schon dieser Musik einfach nach wenigen Takten verfallen muss, dürfte das der so Besungenen kaum schwer fallen. Weiter ging es zu BRETT ins Grünspan. „Hebebühne“ klingt nach Auto. Und tatsächlich ist der Ort, an dem die Hamburger Band seine Proberäume hat, eine ehemalige Autowerkstatt in einem Hinterhof in Ottensen. Eineinhalb Jahre lang haben die vier Jungs ein Zentrum für Kunst und Kultur geschaffen und sich einen kreativen Traum verwirklicht. Nicht nur für sich selber, sondern auch für andere Künstler. Drummer Stefan Schulten und Bassist Laurenz Gust geben hier Musikunterricht, Gitarrist Felix Stackfleth schraubt und lötet hier seine eigenen Fuß-Pedale und Frontmann Max Reckleben ist Spiritus Rector und gute Seele der „Hebebühne“. Hier entsteht auch die Musik der Band. Im vergangenen Sommer erschien die „EP #1“, die ein wenig nach Neo-Krautrock oder nach Stoner-Rock klingt. Ihre Texte sind ebenfalls nicht von der Stange. „Ein schöner Tag (schade, dass Krieg ist)“ von „EP #2“ ist ein gutes Beispiel für die Lyrik der Hamburger Band. BRETT hat mit nur zwei EPs bereits einen rockmusikalischen Spannungsbogen aufgemacht, der ihnen nun nahezu grenzenlosen Raum lässt, weiter zu experimentieren. Zum Abschluss des Reeperbahn Festivals ging es für uns zu Metronomy in die Große Freiheit 36. Man könnte vermuten, der Sommerhit „The Look“ hat das Lebensgefühl einer ganzen Generation bestimmt. Auf Festivals wird dieses Gefühl seit jenem Sommer in 2011 mit viel Glitzer zelebriert und die britische Band Metronomy ist aus der Welt der klugen und schillernden Popmusik nicht mehr wegzudenken. Das Hit-Album „The English Riviera“ erreichte Chartplatzierungen und eine Mercury-Prize Nominierung. Das neueste Werk heißt „Summer 08“ (Because/Warner) und ist wieder eine Sammlung lauter feiner, wohlklingender Retropop-Nummern. „Night Owl“ ist der unmittelbarste Track der LP, der mit einem pulsierenden Disco-Groove überzeugt und sogleich die Stimmung einer traurigen, durch die schwüle, Londoner Sommernacht irrenden Seele einfängt. Das nicht als nostalgische Rückschau, sondern als Statement für Hedonismus – mit Stil und einem kräftigen Schuss Ironie natürlich.

Ab sofort gibt es Tickets für die 14. Ausgabe vom 18.-21. September 2019.


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