Als wenn sie nie weggewesen wären – muff potter. in der Markhalle 2019

Eine Liebeserklärung

„Placebo Domingo“, „Unkaputtbar“, „Ich bin doch kein Idiot“, „Steady Fremdkörper“, „Das Siegerlied“, „Wecker tickt“, „I love Fahrtwind“, „Schwester in Rock“ – alles Lieder, die muff potter. auf ihrer Re-union Show in Hamburg nicht gespielt haben und trotzdem unglaubliche Hits sind. Ansonsten war es, als wenn die Band niemals weg gewesen wäre, so punktgenau, präzise und energetisch waren Muff Potter in der Markthalle am Freitag. Über neun Jahre – ernsthaft? Das habe ich nicht so empfunden. Viel mehr fühlte es sich so an, als ob ich muff potter. letztes Jahr zuletzt im Tower gesehen hätte, wie schon mal vor x-Jahren.

Neben Springsteen sind (und bleiben) muff potter. wohl die Band meiner „roaring tweenties“, kaum eine Band habe ich öfters gehört, ist mehr verantwortlich für Sozialisation und Haltung. So etwas prägt. Für mich war muff potter. stets mehr als eine gewöhnliche Band. „I love Fahrtwind“ etwa kann nur jemand nachvollziehen, der in einer Kleinstadt oder noch schlimmer, Dorf aufgewachsen ist und immer bloß raus wollte. „Aber die Lichter da draußen ziehen mich nicht an“ – hieß es dann wenig später, nachdem die Flucht gelungen war. Die Suche als ständiger Begleiter, dafür standen muff potter. von Anfang an.

Zum ersten Mal aufmerksam auf muff potter. wurde ich Ende der 90er Jahre, nach der Lektüre (in der Badewanne meiner Eltern) eines Interviews im Fanzine Papiertiger. Ein paar Monate später, ich lebte mittlerweile in Bremen (erster Schritt des Ausbruches war geschafft) hörte ich im Weserlabel Büro die aktuelle OX Heft CD. Am Anfang war ein neuer Track der Boxhamsters zu finden, und irgendwo in der Mitte versteckt befand sich „Gefühlsbonzentreffen“ (noch ein Song der nicht gespielt wurde) und allerspätestens da war es um mich geschehen. Was für ein Song, was für eine Thematik! Alleine das Wort „Porzellanleben“! Und dabei ist es noch nicht mal das beste Stück auf dem Album.

Später, im Studium übersetzte ich in einer Hausarbeit, die muff potter. Textzeile „Ich glaube ich mache das Buch jetzt zu, nur das Lesezeichen bleibt und bleibt und bleibt“, ins chinesische und fiel dafür durch, mit der Begründung, es würde kein Sinn ergeben – what the fuck!? Was ergibt daran keinen Sinn? Das ist eine grandiose Zeile und nichts daran ist falsch! Es muss nur verstanden werden. „Mit einem Lächeln im Gesicht sagte er, du hast nicht verloren, die anderen haben nur gewonnen, fand das nur mittelmäßig komisch“, geht der Text weiter und irgendwie passt das (an dieser Stelle hat meine Platte einen Sprung und ich muss eben aufstehen und die Nadel ein Stück nach vorne bewegen –  so wieder da, nur noch schnell einen Schluck Wein).

„Bis zum Mond“ hat die Band in Hamburg gespielt, einer der besten muff potter. Songs überhaupt. Für mich sowieso überraschend, wie viele gute Songs Dennis geschrieben (?) hat. Er ist so etwas, wie der George Harrison von muff potter. Vielleicht hatte er nicht den größten Output, aber seine Lieder (u.a. Bitter Lemon oder eben bis zum Mond) gehören sicherlich zu den besten Output der Band. (Nicht umsonst empfohlen wir bei hb-people.de einst Dennis zweite Band Hotel Schneider – leider hört auf uns keiner, und somit wird auch dieser kleiner Text im Nirgendwo enden, sonst hätten Hotel Schneider ihr Konzert im Tower sicherlich nicht absagen müssen – ihr Idioten!)

Elend #16“ – der wurde gespielt, der letzte Song, der für die „Heute wird gewonnen“ Platte aufgenommen wurde, als 16ten Stück. Ich begebe mich in die Mitte der Markthalle, verschütte aus Versehen etwas Bier und werde prompt blöd angemacht, Mal ehrlich, es war ein Versehen, ich habe mich entschuldigt, es ist eine Punkshow (oder was?), was ist das bitte für ein Publikum? Es ist ein generelles Problem. Die Tickets zu dieser Show waren in wenigen Minuten ausverkauft. Es entstand eine Exklusivität, die der Show nicht standhalten konnte, weil ein großer Teil des Publikums der Exklusivität anwesend war und eben nicht wegen den Songs oder der Band. Ich bilde mir ein, die Band hat dies in der ersten Hälfte ihres Sets bemerkt, aber Profis die sie sind, natürlich das Ruder rumgerissen und schlussendlich jeden begeistert. Aber anfangs war die Stimmung echt „lame“ –  das muss sich Hamburg an dieser Stelle vorwerfen lassen. Ich meine, wenn zwei Typen, im zweiten Drittel des Saals, mehr Stimmung machen, als alle anderen, von den ersten zehn Reihen in der Mitte mal ausgenommen, will das schon was heißen.

Eine Zeit lang habe ich in diversen Bars und Clubs der Stadt aufgelegt, wenn immer es sich anbot, lief ich um halb ein Uhr nachts „Auf der Bordsteinkante, nachts um halb eins“. Am Ende des Konzertes dann das „Frozen Man Syndrom“, Stun-Moritz und ich stehen plötzlich in der ersten Reihe. Was für ein Song! „Nimm dir doch endlich etwas an, was deinen Kopf beruhigen kann“ – das suche ich seit 23 Jahren. Apropos 23 – „23 Gleise später“ wurde auch gespielt, mit der wunderschönen Zeile „Seitdem guter Rat so scheiße teuer ist, weiß ich ganz, ganz, ganz genau, dass du unbezahlbar bist“. (Für dich Schatz, weil ich dabei immer an dich denke.)

War die Band wirklich neun Jahre verschwunden? Für mich fühlt es sich nicht so an und es scheint, als ob muff potter. in dieser Zeit eher an Popularität gewonnen hat, anders können die vielen jungen Menschen nicht erklärt werden. Tatsächlich fragte Nagel zwischen zwei Songs, wer zum ersten Mal auf eine muff potter. Show ist. Artig meldeten sich einige, aber die Dunkelziffer dürfte höher liegen.

Ein Jahr vor der Fußball Weltmeisterschaft 2006 veröffentlichten muff potter. den Song „Punkt 9“ , selten äußerte die Band sich explizit politisch, dieses Stück (und z.B. „Mensch Meier“) bildet eine Ausnahme. Vor allem nahm der Text die Ereignisse ein Jahr später – für mich immer noch der Anfang von AfD, Pegida, Partypatriotismus, so genannter – vorweg.

Natürlich spielte auf dem Konzert eine Portion Nostalgie eine Rolle. Gedanken an vergangene Zeiten, Freundschaften, Erinnerungen, zum Beispiel an den Moment, als ich zum ersten Mal begriff, worum es in „Wenn dann das hier“ geht, von wegen „über Sex kann man nur auf Englisch singen!“ Nehmt das Tocotronic! Trotzdem ist das Konzert keine Revival Show. muff potter. gehören in diese Zeit, die Songs haben ihre Zeit gut überstanden, funktionieren als Gefühlskonservator und als Gegenwartsbestandteil. Es ist schön, die Band wiederzuhaben, zumindest für dieses Jahr.

Danke Nagel, Dennis, Brami und Shredder, „I love everything about you“ & „I still love Fahrtwind“, ich habe noch immer ein“ 100 Kilo Herz“ und bin trotzdem „Unkaputtbar“ und „bin kein Idiot“, obwohl ich mir manchmal wie einer vorkomme. Danke für das „Ohr leihen, immer wenn es schlimm wird“. Ihr seid wichtig, ihr seid mir wichtig! muff potter . – ich habe euch vermisst!

p.s. dieser Text entstand Samstagnacht um halb eins, aber nicht auf der Bordsteinkante. (Kein Witz)

 


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